21-27. August 2006: Kiew
Привіт
Das, Freunde des beliebten Veeckreisenewsletters, ist, sofern euer Email-Client
das korrekt darstellt und ihr es anhand des Email-Headers noch nicht erraten
habt, ukrainisch und bedeutet 'Hallo'. Somit ist das Geheimnis meines
momentanen Aufenthaltsortes auch gelüftet.
Wieso ich hier bin, ist auch relativ schnell erklärt: Eine Mischung aus Geschäftsreise
(Haufe, mein Arbeitgeber, hat hier eine Firma namens KCK angeheuert, um die
Programme, deren Software-Architektur ich mir ausdenke, programmieren zu lassen,
und nun wollten wir mal sehen wie die hier so arbeiten) und
'Hilfe-ich-bin-jetzt-30-und-will-mal-was-völlig-verrücktes-machen-
und-in-einem-Ostblockland-Urlaub-machen-wo-ich-die-Sprache-nicht-mal-ansatzweise-verstehe'
und bis jetzt ist es ein Urlaub wie jeder andere auch bisher: Ein Umwerfen von
schon gebuchten Trips zu weiteren Orten und ein Umgeworfen werden von
irgendwelchen Infektionen. Aber ich greife vor, fangen wir von vorne an, nämlich
letzten Sonntag Morgen, 10 Uhr:

Von diesem Zeitpunkt an hatte ich die nächsten
37 Stunden keinen Schlaf, da, nachdem ich Sonntags Abend gepackt, Briefe
geschrieben und mit Albrecht einen Film gekuckt habe, die halbe Stunde, bevor
der Treffpunkt zum Flughafen Basel ausgemacht war, auch nicht mehr wirklich für
Schlaf gemacht war. Im Flugzeug an sich war auch nicht an Schlaf zu denken, da
der Flug zu kurz und mit Lufthansastewardessfragen nach Erfrischungen gefüllt
war um mehr als 5 Minuten wegzunicken.
Nun, der Empfang seitens KCK war freundlich und herzlich, die Büros sind winzig
im Vergleich zu dem was wir hier gewohnt sind, dafür waren die Zimmer, in denen
wir fünf im Hotel Sonja unterkamen, riesig. Eine Küche, Badezimmer, Toilette,
zwei Schlafzimmer mit jeweils einem Doppelbett und ein Wohnzimmer mit Couch und
zwei Sesseln. Und das war wohlgemerkt für mich alleine!!! Nur unser Chef hatte
ein besseres Zimmer, zwar kleiner als meins, aber dafür im Stil einer Hawaii-Hütte
mit so Nettigkeiten wie Muscheln als Badewanne etc. eingerichtet. Dafür sind
die Preise auch gesalzen gewesen, aber die Firma zahlt ja ;-)
Nun, abends zum ersten Mal aus gewesen mit Pavel dem Chef der Firma, und
unseren ständigen Begleiter bzw. Fahrern Oleg, tagsüber normalerweise
Programmierer dort und momentan auch mein Gastgeber, und Michael, Finanzchef
soweit ich das richtig in Erinnerung habe, er hätte aber auch als persönlicher
Bodyguard mit seiner Statue sein können. Nur ein wenig Wodka getrunken, da wir
ja doch müde von der Reise waren.
Nächster Tag war erst mit Geschäftsaufgaben versehen, Leute kennengelernt, ein
paar Präsentationen gehalten, diskutiert, Kaffee getrunken und das Gebäude, in
dem KCK drin hockt inspiziert. Highlights von letzterem waren vor allem die baufällig
aussehenden Teile, die anderen Hasenfüssen unserer Gruppe mehr Angst machten
als mir Unerschrockenem-weil-in-Südostasien-
schonmal-im-Minibus-gefahren-und-das-Leben-an-mir-vorbeirauschen-sehen. Aber Ingo hatte Respekt vor dem seltsame
Geräusche machenden Lift, der selbst bei einer Anzahl von Leuten schon schlapp
machte, die weit unter der Maximalanzahl lag, und Bernhard ging wohl nur
widerwillig auf den Raucherbalkon raus, der bei uns schon 30 Jahre früher vom
Bauamt dicht gemacht worden wäre.

Nach einer relativ unspektakulären Stadtrundfahrt (wobei die Stadt schon
spektakulär ist angesichts ihrer alten Häuser,
goldverzierten Kirchen, sowjetischen Prunkbauten und Prachtstraßen) ging es
raus vor die Tore von Kiew, wo wir mit allen Entwicklern von KCK ein Picknick
abhielten mit typisch ukrainischem Essen und Trinken. Ich verstehe nun, warum
die Leute hier so gut mit Wodka umgehen können, da nach jedem Wodka eine
richtig-sauer-eingelegte Gurke gegessen wurde. Mein Wodkakonsum beschränkte
sich somit auf zwei Wodkas, da mich beim ersten glücklicherweise keiner sah und
ich deshalb keine Gurke essen musste. Positiv ist die große Auswahl hier bei
Grillgut und beim Essen allgemein zu erwähnen. Habe ich so lecker und
variantenreich nicht erwartet.
Okay, das Erwachen am nächsten Morgen war etwas ruppig da auch hier die Regel
gilt: Wodka und Bier verträgt sich nicht perfekt. Nochmal ein wenig von der
Stadt gesehen, die anderen zum Bahnhof gebracht und ein letztes Mal Deutsche
gesehen. Deutsch gesprochen hab ich das letzte Mal an jenem Mittwochabend, als
sich auch die Übersetzerin Anna ins Wochenende von mir verabschiedete (Hallo Anna,
nebenbei), nachdem wir in der Stadt Fußball gekuckt haben. Meine Pläne waren freitags,
also heute, mich nach Odessa zu schaffen, die Leute von KCK hatten sogar mir
schon das Zugticket und eine Handykarte gekauft.
Nun, Pläne sind bei meinen Urlauben bekanntlich da, um von Krankheiten zunichte
gemacht zu werden und so wachte ich Donnerstag Morgen auf, fühlte mich wie nach
einem Gewichtheber-Wettbewerb, den ich verloren habe, und auch mein Magen- bzw.
Darmbereich führte an dem Tag wieder und wieder einen Kampf, den ich oft
verlor. Ich verbrachte also den Tag im Bett mit Salzstangen und Cola, was ich
seit meiner Kindheit schon immer als das beste Rezept bei irgendeiner Krankheit
ansehe, und lernte die kyrillischen Buchstaben, indem ich im Fernsehen die
Einblendungen von MTV und Co übersetzte.

Nun, heute geht es mir schon wieder etwas besser und ab jetzt wohne ich bei
Oleg, einem KCK Mitarbeiter, der DJ ist und mich gleich mit auf eine
Beach-Party nimmt. Denn ich weiß nicht wie es bei euch ist, hier hat es
unbedeckte angenehme 25 Grad tagein tagaus und meine langen Hosen fühlen sich
am falschen Platz an. Auch der Hosenbund wieder, denn seine Mutter kocht
fantastisch und typischer Kiew-Kuchen besteht anscheinend nur aus Zucker.
Weitere Highlights aus Kiew im Schnelldurchlauf:
- eine Untergrund-Shopping-Mall, die sogar Tokios fasst in den Schatten stellt,
vom Safe zum Fuchspelz bis zur Küchen und Wohnungseinrichtung kann man alles im
Untergeschoss kaufen und von einem Ende der Prachtstraße zur anderen führt
- eine Absage, die ich heute zwei Mädels geben musste, die fragten, ob ich in
einer lokalen Fernsehproduktion mitspielen wollte. Da geht sie hin, meine
Karriere als ukrainischer Fernsehstar
Okay, das soll es mal erstmal gewesen sein, Sonntag Nacht fahre ich nun
sicherlich nach Odessa, dann geht´s am 31. nachts nach Lviv, und die Daten
WERDE ich einhalten, MagenSchnelldurchlauf hin oder her, denn an den
Ticketschaltern hier spricht wirklich KEINER Englisch (von englischen
Beschriftungen ganz zu schweigen) und ohne Oleg wäre ich sicherlich
aufgeschmissen gewesen beim Kaufen der Tickets. Big-up to him for that!
Also, bis die Tage, I'm out! V
PS: Greetings to all the pregnant ones out there, I know you'll make it!
PS2: Leena, hab ich eigentlich im Kaffeehaus bezahlt gehabt oder euch mit der
Rechnung zurückgelassen? Sorry wenn ja und ich mach es in Sansibar wieder gut!
PS3: Greetings from Oleg too
28-31. August 2006: Odessa
Guten Morgen miteinander. Eine spät in der Nacht begonnene und nun nach erholsamen
Schlaf vollendete Email erwartet euch hier, was unter anderem der Tatsache zu
verdanken ist, dass das 'Free Internet' in dem Hostel hier in Odessa regelmäßig
belegt ist, da es dabei sich um einen einzelnen PC handelt und 20 Leute sich
darum balgen müssen. 'Free irgendwas', so lernten wir ja schon bei dem selbst
aus Pfannkuchenteig herzustellenden 'Free Breakfast' in LosAngeles, ist immer
mit Haken versehen, so ist hier der 'Free Coffee' Instant-Kaffee (selbstanzurührend)
und die 'Free Towels' bedecken meine Hüften nur spärlich...
Aber bevor die wahrscheinlich nun schon kreischende weibliche Leserschaft ihre
Koffer packt um hierher nach Odessa zu fliegen, lest weiter, denn zuerst muss
ich kurz innehalten, um zwei Menschen um Entschuldigung zu bitten:
- zum einen mein Mitbewohner Christoph, der Montag Morgen 3:30 Uhr, als ich
noch auf dem Weg zu unserem Abfahrtstreffpunkt einen Umweg zum Briefkasten
machte, von meinen besorgten Mitfahrern aus dem Bett geklingelt wurde. Sorry
Christoph, und ich hoffe, mein Zimmer steht noch und ist nicht verwüstet, wenn
ich zurückkehre. - zum anderen das unbekannte Mädchen, welches an der
Tankstelle auf dem Heimweg zu Oleg nach mir die Toilette dort benutzen wollte.
Als ich hinausging, hörte ich von hinten ein auch für meine der ukrainischen
Sprache nicht mächtigen Ohren leicht zu verstehendes 'Uuuuuaaaaaah', und als
ich mich umdrehte, sah ich wie sie aus sicherer Entfernung von der Tür das
Duftspray längere Zeit in Richtung Toilette entleerte. Sorry nochmal, aber mein
Magen war das Essen noch nicht gewohnt.
Zurück von der Buße zu den Beats: Wie schon erwähnt, nahm mich Oleg Freitag
nach diversen Besichtigungen wie mumifizierten Mönchen in alten Höhlen abends
zur Beach-House-Party mit, die mit vielen netten Ukrainern und Ukrainerinnen bestückt
war, die mir Oleg vorstellte. Nun, bis 4 Uhr Bier getrunken, eine Telefonnummer
mehr im Handy von einem unbekannten Typen, dem ich schreiben muss, wie ich Lviv
finde, wenn ich denn dort war, da seine Freundin da herkommt. Hey, ich bin ja
nicht zum Frauen aufreißen hierher gekommen, auch wenn ich mich freue, wenn die
Damen mich hier anlächeln.

Samstag war nach exzessivem Ausschlafen und noch exzessiveren Aufforderungen
seitens Olegs Mutter doch bitteschön alles was auf dem Frühstückstisch steht
auszuprobieren (inklusive süßem Käse) abends die Feiern zum Unabhängigkeitstag
der Ukraine inklusive Feuerwerk und vollen Straßen, was wir vermieden, indem
wir uns auf eine der Brücken stellten, die die Dnjepr überspannten. Nach kurzem
Ausflug auf die Prachtstraße Kiews (die sog. Chreschtschatik, die vielleicht am
deutlichsten die Unterschiede in diesem Land repräsentiert, denn dort tummeln
sich bettelnde Kinder und Frauen vor riesigen Plakaten, die eine ganze Häuserwand
mit 'Hier entsteht der neue DolceUndGabana-Shop' bedecken) sind wir doch
(wieder einmal) an den Strand zur Beach-House-Party gegangen, wo diesmal als
Special-DJ-Guest ein Hollaender auflegte, der in der Ukraine hängengeblieben
ist und sich nun "Flying Dutchman" nennt. Passend dazu hatte er,
neben GOGO-Tänzerinnen, auch zwei Maskottchen dabei. Zwei (hoffentlich gut
bezahlte) Typen haben sich in mannshohe Flugzeug-Kostüme (aha denkt ihr,
'Flying' im Sinne von Fliegen, nicht von Kiffen) stecken lassen. Doch, und so
werden es Bilder von mir beweisen, da diese Kostüme eher wie riesige Penisse
aussahen, haben deren Designer wohl doch eher bei der Arbeit ans Kiffen als an
Flugzeuge gedacht. Definitiv ein Showelement welches der gute Mann überdenken
sollte.
Nun, Sonntag benutzte Oleg wieder einmal sein Vitamin B mit den lokalen DJs und
schaffte uns Zutritt zum relativ kleinen, aber mit nettem Buffet ausgestattetem
Backstage-Bereich der Jeans-Parade, einer von einem Mobilfunkoperator
gesponserten DJ-Veranstaltung mit extra aus UK eingeflogenem DJ auf dem
Europa-Platz mitten im Herzen Kiews. War auch ganz nett, solange jedenfalls bis
ich noch Einkäufe für meine nächtliche Zugfahrt (und Blumen für Olegs Mutter,
ich weiß ja was sich gehört) erledigen wollte, denn wie sollte es sonst sein,
mitten auf dem Heimweg öffneten sich die Himmelsschleusen und der halbe
Bodensee ergoss sich nicht nur auf mich, sondern auch die Leute vor der DJ-Bühne
(letztere ließen sich jedoch davon nicht wirklich stören, selbst die die
irgendwo Unterschlupf suchten, taten dies eher gemächlich). Klitschnass kam ich
also zurück und Oleg fuhr mich an den Bahnhof.

Nun, ich weiß nicht, ob ihr schon mal eine Zugreise ohne Kenntnisse der Sprache
gemacht habt, aber meine war recht unterhaltsam, da die 3 anderen Mitreisenden
(Vater mit Tochter und eine Frau) in meinem Abteil kein Englisch konnten, nur
die 11-jährige Tochter war mit einigen Brocken gesegnet, was aber auch nicht
ausreichte als die Schaffnerin versuchte mir klarzumachen, dass für nur 20$ ich
ein Einzelabteil bekommen könnte. Nun, da ich mir den Spaß einer gemeinsamen
Zugreise nicht nehmen lassen wollte, lehnte ich dankend ab, als sie endlich
einen korrekt englisch sprechenden Menschen im Zug gefunden hatte, der mir das erklären
konnte. Das Abteil war somit den Rest des Abends mit ukrainischen Sätzen gefüllt,
die in der Gewichtsklasse von "Mein Name ist" und "Wie ist dein
Name" lagen und endlich konnte ich auch meine nassen Klamotten ablegen.
Morgens um 7 in Odessa angekommen und kurz darauf auch in meinem Hostel, wo
mein erster Eindruck ein Amerikaner namens Kevin war, der 15 Minuten nach mir
von der lokalen Amüsiermeile sturzbetrunken heimkam und mir von seinem dort
gestohlenen Handy erzählte, sowie von seinem Kumpel in Russland der eigentlich
dort im Juli heiraten wollte aber die Hochzeit immer weiter nach hinten
verschoben wird, so dass er mittlerweile 3 Monate hier in Osteuropa herumreist.
Es gibt schlechtere Alternativen, muss ich sagen.
Nun, und wie sollte es anders sein, auch hier traf ich Deutsche, oder wie es
der zweite Amerikaner Alex ironisch ausdrückte: "Odessa hasn't seen so
many Germans since 1944". Unter anderem, und wieder ein Beweis für die
Globalisierung unserer Weltkugel, zwei Mädels aus Berlin und Leipzig, wobei
erstere auch auf Ulis Party in Berlin war und mich auch wiedererkannt hat.
Klein, diese Welt.
Heute geht´s weiter mit Besichtigungen und Bilder schießen, nachdem der
Schnupfen, den ich mir durch die nassen Klamotten geholt habe wieder
abgeklungen ist. Ich hätte wohl Wodka im Zug trinken sollen, da dies hier als
Allheilmittel gilt bis hin zu Sätzen wie: Hast du Kopfweh vom Wodka trinken?
Trink Wodka, das hilft.
Also dann, Grüße nach Deutschland und den Rest der Welt, ich geh raus in die
Sonne. Wir sehen uns wieder in Lviv, V
PS: Kann jemand Birgit und Tobias Ullrich Bescheid sagen, dass ihre Emailpostfächer
voll sind?
1-4. September 2006: Lviv
Hallo Freunde der kyrillischen Schreibweise, die mir erlaubt das kyrillische C
als S- und Z-Ersatz zu verwenden, diesmal aus Lemberg, Lvov, Lviv, je nachdem
aus welcher Periode (deutsch, polnisch, ukrainisch) man das ganze Städtchen
sieht. Hierhin begab ich mich, nachdem ich Odessa mit einer Nachtzugfahrt
verlassen habe, die die gewohnten Dinge beinhaltete: ich konnte kein Wort
Ukrainisch, meine Mitreisenden kein Wort Englisch, wollten aber etwas von mir,
fanden dann einen radebrechenden Menschen, der in mehrere Anläufen ihr Anliegen
vortragen konnte, was kurz gesagt ein Abteiltausch zwecks Familienzusammenführung
war. Und wer wäre ich der so etwas entgegenstehen würde?
Nun, Lviv ist ein schön anzuschauender Ort mit lebendiger Innenstadt, die am
Wochenende so voll mit Brautpaaren war, dass sie teilweise Schlange vor den schönsten
Plätzen standen, was merkwürdigerweise auch die lokalen Graffitiplätze
beinhaltet. Ich frage mich ob die Geburtenrate auch so hoch ist?
Dennoch hat Lviv auch ruhige Plätzchen zu bieten, wie dem monumental riesigen
Friedhof, auf dem man entspannen und in Ruhe über Sachen sinnieren kann, wie
zum Beispiel was wir Deutsche lernen sollten:
- Lernt mehr Trinksprüche. Da saß ich also auf dem höchsten Punkt Lvivs, dem
Castle Hill und wartete versunken in meinem Buddhismus-Buch auf den nahenden
Sonnenuntergang, als der Trauzeuge des einzigen Brautpaars, dass sich zum Feiern
dort hochbegab, den wohl einzigen als Touristen zu identifizierenden Menschen
(mich) ansprach und um einen Trinkspruch auf das Paar bat, das ganze mit Kamera
und Mikro vor meiner Nase. Ich hoffe inständig, dass die beiden nie Englisch
lernen (oder dem Film jemanden mit solchen Kenntnissen zeigen), denn nachdem
ich erstmal deren beiden für mich unaussprechlichen Namen über meine Lippen
gebracht hatte (die ich natürlich schon wieder vergessen habe), fielen mir
keine passenden Worte ein, und so stammelte ich irgendetwas von "Happy Day" und
"Great Experience". Hoffentlich dauert es nochmal 30 Jahre bevor mich wieder
jemand fragt.
- Reiht Friedhofsgräber nicht aneinander wie Reihenhäuser in unseren Vorstädten.
Mit all den verwinkelten Ecken und kleinen Pfaden ist der Friedhof in Lviv
einer, wo man sich gerne zur letzten Ruhe begibt und auch als Überlebender
gerne darin verweilt, solange man jedenfalls wieder herausfindet bzw. nicht wie
ich sich auf eine alte morsche Bank setzt, die unter einem zusammenbricht. Aber
ich denke, so eine kaputte Bank verstärkt wohl noch eher das Flair dieses
Friedhofs ;-) Ich für meine Teil will aber weiterhin verbrannt und unter einem
Baum begraben werden, merkt es euch gefälligst die nächsten 60 Jahre lang.
- Angebracht sind Reih und Glied nur für Soldatenfriedhöfe (ebenfalls dort in
Lviv zu bestaunen), da zeigen sie ihre Wirkung und lassen den Unsinn
desselbigen erscheinen. Überlasst generell den Krieg den Dummen, zum Beispiel
den Franzosen. Gebt mal bei Google "Great Military French Victories"
ein und drückt auf "Auf gut Glück suchen". Normalerweise sollte dann
diese Seite erscheinen http://www.albinoblacksheep.com/text/victories.html.
Wieder etwas worauf mich Alex aufmerksam machte.

Ebenso sagte Alex folgende Weisheit, als wir in der lokalen Untergrundkneipe
Odessas, dem 'Exit', saßen und als ich wieder mal meinem Unmut Ausdruck
verlieh, dass er sich mit den Leuten auf Russisch unterhalten könnte, während
ich mich auf die wenigen Englischkundigen (oder seinen Übersetzungswillen)
verlassen musste, er nur erwiderte: "Wenn deine Vorfahren gewonnen hätten,
dann würde ich jetzt das Sprachproblem haben."
Apropos Deutsch: Meiner Unterkunft hier ist ein deutscher Taubenschlag. Ein älteres
Schwesternpaar gewährte mir und zwei anderen Deutschen Zuflucht (nachdem vor
mir sich gerade zwei weitere Deutsche auf den Weg nach Polen gemacht haben) und
hat sich am Samstag uebers Wochenende in die Berge verzogen, während sie uns
die Schlüssel zu ihrem EnergieEffizienzHaus in die Hand gedrückt haben. Das
bedeutet, dass sie überall nur LEDs statt Glühbirnen haben, Regenwasser
wiederverwenden, Sonnenkollektoren haben und das Klo mit einem halbdurchlässigen
Spiegel ins Wohnzimmer versehen ist, damit man nicht so oft das Licht anmacht,
da man sonst beim .... gesehen wird. Hehe. Ob das gänzlich fehlende Licht im
Treppenhaus auch Absicht ist, sei mal dahingestellt.
Nun, heute Abend geht es wieder mal per Nachtzug weiter nach Budapest, meine
letzte Station bis Samstag, wenn ich mich wieder nach Hause begeben werde. So
entlasse ich euch in die Arbeitswoche, seid achtsam, V
Nachtrag: ESST NIEMALS AM TAG EURER WEITERFAHRT EIN PILZ-OMELETTE IM CAFE EUROPE IN LVIV!
Die Folgen davon waren zwar nicht tödlich (wie man lesen kann, außer ich hätte übernatürliche
Fähigkeiten), aber so lecker war es dann doch nicht, dass es den
'brechendvollen' Toilettenaufhalt im Lviver Bahnhof, die 10 EUR an die dazu gehörende
Toilettenfrau fürs Saubermachen und die Nacht mit Schüttelfrost im Zug nach
Budapest wert war.
5-9. September 2006: Budapest
Nein, Freunde der Karpatenklinik, so schlimm ist es dann nicht geworden wie im
Betreff angedeutet nach meinem letzten "bewegenden" Zwischenstopp auf
der Lviver Bahnhofstoilette, und nach einer durch fehlende Abteilinsassen glücklicherweise
einsamen und dennoch nur teilweise ruhigen Nacht (was an dem 2-stuendigen
Aufenthalt an der ukrainisch-ungarischen Grenze lag, den ich nur durch ein
gelegentlich den Grenzbeamten entgegengeworfenes
"I-dont-speak-your-language" unterhaltsam gestalten konnte, denn dann
kucken sie einen nur kurz an und gehen kopfschüttelnd weiter und lassen eine in
Ruhe) kam ich einigermaßen wohlbehalten in Budapest an, wo mich keine weiteren körperlichen
Gebrechen mehr plagten.

Stattdessen durfte ich mehrere entspannte Tage in Eszters Stadtwohnung
verbringen, die ich nur mit ihrer Katze (der kleine Teufelshund war zum Glück
bei ihren Eltern) und in der letzten Nacht mit einer temporär obdachlosen
Freundin von ihr teilen musste. Beide Damen waren aber entweder sehr nett oder
sehr verschmust, ihr könnt ahnen welche von beiden welches Adjektiv von mir
zugewiesen bekommt.
Nun, Eszters Wohnung ist zentral im jüdischen Viertel gelegen, ideal um die
ganze Stadt mit ihren Sehenswürdigkeiten in Ruhe zu erkunden, wenn man denn
gewillt ist sich spanische, japanische, englische und natürlich auch deutsche
Touristen zuhauf zu geben. Wobei die Deutschen manchmal bevorzugt werden, wie
z.B. am Parlamentsgebäude wo es extra deutsche Führungen gibt und man sich
deshalb ungeniert an langen Schlangen vorbeimogeln darf und den Amis etc. die
lange Nase zeigen kann.
Weitere besuchte Punkte inklusive angetroffener Besuchergruppen im Schnelldurchlauf...
Ach nee, lassen wir das, waren eh nur die gleichen Nationalitäten wie oben
beschrieben, Budapest ist eh schon touristisch völlig erschlossen, wenn man
schon die Engländer in den Kneipen Samstags mittags hocken und Bier trinken
sieht und grölen hört.

Zurück zum Entspannen: Dazu gehörte neben einem indisch-bulgarischen
All-you-can-eat auch ein Aufenthalt im Hotel-Gellert, dessen angeschlossene
Badeanstalt neben einem Wellenbad (wippiiiiiiiii) über eine exquisite Therme
mit römische Inneneinrichtungskachelverzierungen verfügt, wo man (streng nach Männlein,
Weiblein getrennt) sich in 39-Grad Becken und Saunas gehen lassen kann, wobei
das ganze (also Mann selber, wie das bei den Frauen geregelt ist, weiß ich aus verständlichen
Gründen nicht zu berichten) nur mit einem Lendenschurz bedeckt ist. Das hat natürlich
den unangenehmen Nebeneffekt, das man aufpassen muss, nicht hinter einem älteren
Mitbader aus dem Becken zu steigen, da besagter Lendenschurz den alten S*** nur
von vorne bedeckt.
Aber auch diese Anblicke überlebte ich, dank schneller Kopfdrehaktionen
meinerseits, und konnte so unbeschadet der heißen Sonne außerhalb des Beckens frönen,
denn Budapest hatte alle Tage Sonnenschein, so als ob es mich dabehalten wolle.
Nun, wer weiß...
Weitere Entspannungspunkte waren eine thailändische Rückenmaßage (Hallo
Globalisierung!), durch Parks wandern mit Eszter und oben genannter Freundin
von ihr, und das obligatorische AmLetztenTagShoppingGehen, wobei nun leider
mehrere Kleidungsstücke meines zu kleinen Kleiderschrankes den Weg aller
Putzlappen gehen müssen.
Tja und nach einem wirklich unaufregenden Heimflug Samstagnacht, wo wirklich
mal ausnahmsweise gar nichts, aber auch wirklich gar nichts passiert ist
(wirklich, das aufregendste war, dass mein Rucksack zum ersten Mal mit einer
der ersten Koffer draußen auf dem Gepäckband war, uiiiiiii), bin ich nun im
Alltagstrott wieder gefangen. Wann ich wieder daraus herauskomme? Ich habe
keine Ahnung wann und vor allem wo, vielleicht mal Afrika oder Südamerika, die
letzten beiden Kontinente die mir noch fehlen. Aber ihr werdet mit die ersten
sein, die es erfahrt.

Wobei ich noch eine Bitte hätte, bevor dieses Buch geschlossen wird, und dies
geht vor allem an diejenigen Mitglieder meines Adressbuchs, die schon seit
meinen ersten Emails aus Thailand 2001 mit dabei sind und schon lange nichts
mehr von sich haben hören lassen: Sagt, hat sich mein Schreibstil über die
Jahre verändert? War ich witziger? Bin ich nun eloquenter? Ich will keine
Komplimente abgreifen, nur erfahren, ob und wie ich mich über die Zeit hinweg verändert
habe (ach ja, und natürlich rausfinden ob mancher, der sich ewig nicht gemeldet
hat, dies zum Anlass nimmt, mir zu schreiben) Vielleicht kann ich ja damit mal
mein Geld verdienen...
Passt solange auf euch auf, und wenn euch langweilig ist (und damit sind die
wieder gemeint, von denen ich lange nix gehört habe, wobei umgekehrt das
gleiche ja auch gilt, also shame on me), dann wisst ihr ja, unter welcher
Adresse ihr mich erreichen könnt.
I'm out, V
PS: Danke nochmal an Anna für ihre Ukrainisch-Übersetzungen, ich hoffe es hat
dein Deutsch verbessert.
PSS: Wenn einer von euch Lust hat, bei meiner nächsten Reise das ganze ins
Englische zu übersetzen (da ich meinen mittlerweile zahlreichen englischen
Freunden diese literarischen Hochgenüsse nicht vorenthalten will), soll er/sie
sich ruhig melden. Belohnung ist ewiger Ruhm, Erwähnung auf www.veeck.de und
Lollipops.