Was drei Wochen in der winzigen ELU-Schule in der kleinen Stadt Morogoro in dem unbekannten Land Tansania
auf dem riesigen Kontinent Afrika verändern würden, konnte ich nicht ahnen und habe ich bis heute
noch nicht verstanden.
Einleitung
Wenn man Grimms und anderen Märchen glauben darf, so stehen am Anfang jeder guten Geschichte mit
Happy End zwei gegensätzliche Dinge, die am Ende trotz aller Widrigkeiten in Form von
Schwiegermüttern, mutierten Tieren oder einfach entgegen jeglichem guten Geschmack zusammen finden.
Auch diese Geschichte, die ich euch erzählen will, hat zwei verschiedene Komponenten, die nicht
jedermann Geschmack sind, aber schon damals auf Wibkes Party, wo das folgende Geschehen seinen
Ursprung fand, konnte ich ungeduldiger Mensch es nicht erwarten, diese zwei erst am Ende der Party
zusammenzubringen. Ihre Namen waren Wodka und Tonic, und als sich diese beiden Stoffe vereint
in meinem Glas wiederfanden begann zufällig auch die Party an Fahrt aufzunehmen und die folgende
Geschichte ins Schlepptau zu nehmen.
Guess the Michael Jackson Song
Jene nicht nur wegen meines Alkoholkonsums an diesem Abend denkwürdige Party wurde, wie schon am
Rande erwähnt, von Wibke veranstaltet, ebenso wie ich Mitglied im
Hospitality-Club,
kurz HC. Der HC ist eins dieser Netzwerke in den Weiten des Internets, in dem sich Leute finden
und treffen können, die das gleiche Ziel haben, in diesem Fall reisen und neue Leute kennen lernen.
Deshalb lud Wibke auf ihre Party nicht nur Freunde und Verwandte ein, sondern auch alle
HC-Mitglieder, egal ob sie aus Freiburg stammten oder gerade zufällig in der Stadt waren.
Der HC verbietet sich nebenbei, als Dating-Webseite angesehen zu werden, was aber von den darüber
entstandenen Beziehungen oft und somit eindrucksvoll widerlegt wird und intern deshalb als der
beste HC-Witz überhaupt angesehen wird.
I dreamed of Africa
Nun traf ich also, mittlerweile mit meinem zweiten Wodka-Tonic in der Hand, auf
Julianna,
mit der ich ins Gespräch kam, zuerst über das übliche, was man denn gerade so tut, dann über das
zweitübliche, wo man denn schon überall in der Welt war, dann das drittübliche, was man denn so
als nächstes vorhat. Und da erzählte sie mir über ein Workcamp, welches die von ihr mitgegründete
Organisation IDEM auf die Beine stellen
und im März in Tansania stattfinden würde, wo sie vorhatten ein Schulgebäude zu errichten. Mit
nicht mehr als diesen wenigen Informationen versehen war ich dennoch angefixt von der Idee und da
ich schon damals wusste, dass ich zu diesem Zeitpunkt auf keine Fall etwas besseren mit meiner Zeit
anstellen könnte, gab ich ihr meine email-Adresse und war gespannt, was da auf mich zukommen würde.
Folgt mir also auf dem Weg von diesem Happy Start zu dem Happy End jener Geschichte, welche mir das
Schicksal an besagtem Abend zusammen mit den Drinks bescherte, und auch wenn ich euch keine Heirat
am Ende bieten kann, so doch wenigstens ein paar kitschig-sentimentale Worte, die ihr mir verzeihen
mögt.
Waiting to fly
Das Workcamp
Es begab sich somit am 30. März im Jahre 2007, dass eine Gruppe von Leuten ausging, in Tansania
ein Schulgebäude zu errichten. Die meisten von uns hatten sich schon bei einem
Vorbereitungswochenende in der Schweiz, wo IDEM seinen Sitz hat, zum ersten mal getroffen und
beschnuppert, und dort erfuhr ich auch zum ersten Mal etwas mehr über das Projekt.
Der Ort unseres Einsatzes war Morogoro, eine Regionshauptstadt 200 Kilometer im Landesinneren von
der Haupstadt Tansanias, Daressalam, gelegen. Dort gibt es seit dem Jahre 1997 eine Grundschule, die von
Erasto Luanda
eigenfinanziert gegründet worden war. Damals startete er mit drei Schülern, denen er im Gegensatz
zu den staatlichen Schulen auch Englisch beibrachte und das ebenfalls entgegen den Gepflogenheiten
ohne den Einsatz von Stock und Stab. Mittlerweile sind es jedoch mehr als 300 Schüler geworden, die
Erasto mit seinen Lehrern unterrichtet, und so platzt der momentane Speisesaal der Schule aus allen
Nähten. Die momentane Lösung für das Platzproblem besteht darin, in Schichten das Frühstück und
Mittagessen zu sich zu nehmen, zuerst ißt die erste Klasse in 5 Minuten, danach die zweite und so
weiter. Ziel war es nun das Fundament für einen größeren Speisesaal zu legen, denn mehr konnte man
realistisch betrachtet mit bloßer Muskelkraft in den drei Wochen, die wir dort verbringen wollten,
nicht erschaffen.
Look closely
Ihr stellt euch nun vielleicht die Frage, wieso es dann unbedingt Leute aus Europa braucht, um dort
unten ein Haus zu bauen, schliesslich gibt es in Tansania genug Arbeitskräfte. Stimmt, es braucht
uns nicht, und es wäre vielleict finanziell effizienter, das Geld, das wir für die Flüge ausgaben,
besser direkt an die Schule zu geben. Doch würde damit nicht der Eindruck entstehen, der weiße Mann
würde das Geld spenden und sich nicht weiter darum kümmern? Ist es nicht auf einer sozialen Ebene
wirkungsvoller, wenn wir sehen wie das Geld verwendet wird und die Tansanesen sehen, dass wir auch
schuften können? Ist es nicht ökonomisch sinnvoller das Geld für das Baumaterial hier in Europa zu
sammeln und dort unten in den Wirtschaftskreislauf zu geben anstatt hier Maschinen zu kaufen, die
dort unten keiner bedienen kann? Schliesslich will IDEM nicht Workcamps auf Teufel komm raus
organisieren, sondern an erster Stelle steht das Ziel, jungen Menschen Impulse zu geben und sie
Eigeninitiative entwickeln zu lassen. Und dies bezíeht sich nicht nur auf uns Workcampteilnehmer,
sondern auch auf all die, denen wir dort unten begegnet sind und denen wir von unserer Arbeit berichteten.
Excitement
Nach diesem kleinen Ausflug ins ideologische zurück zu den echten Flügen: Es trafen sich somit Ende
März um die 20 mehr oder wenige junge Leute in aller Herrgotts frühe am Frankfurter Flughafen um
nach Daressalam zu fliegen, wo uns neben Julianna auch Fiorina erwartete, die die eigentliche
Organisatorin des Workcamps war.Neben mir altem Sack waren in der Gruppe noch eine Dame namens Ingeborg, die meiner Altersklasse
angehörte (wenn diese denn die Jahre 30 - 42 umfasst), ebenfalls per Zufall dazu kam und genauso
ihren Jahresurlaub dafür opferte, dem deutschen Alltagstrott zu entkommen. Dazu kamen noch einige
Studenten und Studentinnen und solche, die es bald werden wollen, und ein paar Schüler, von mir
liebevoll "Die Jungs" genannt. Wie man sich denken kann, waren das allesamt Leute, die keinerlei
Ahnung vom Häuser bauen hatten, diejenigen, die noch am ehesten Erfahrung in der Richtung hatten
waren der Schweizer Schreiner Raffael und
Lukas,
der ähnliches schon in seinem FSJ in Palästina tat, aber mittlerweile Sozialwissenschaft
studiert. Großartige Aussichten, nicht wahr? Internationaler wurde die Truppe durch
Nami,
eine wahrhaft zauberhafte Japanerin, die extra für diesen Trip englisch gelernt hatte, aber
immer noch dankbar über jede Nachhilfestunde darin war. Des weiteren waren da noch Teddy,
Tansanesin und später meine Tochter-Ehrenhalber, sowie vier Kenianer, die im Verlauf der zweiten
Woche zu uns dazu stiessen.
Und es begab sich danach, dass die Gruppe durch Städte und Dörfer zog, denn es war kein Direktflug
von Frankfurt aus nach Morogoro, sondern wir mussten zuerst in Amsterdam umsteigen und noch eine
Zwischenlandung am Kilimandscharo machen, wo einige zum ersten Mal afrikanische Luft schnuppern
durften, als sich dort die Flugzeugtüren öffneten, bevor es in die Hauptstadt Daressalam
weiterging. Und wie ich es schon in Asien so oft erleben durfte, zeichnete sich auch die Luft
dieses Landes durch eine hohe Luftfeuchtigkeit aus, gepaart mit ebensolch hohen Temperaturen und
nur dem Versprechen, dass irgendwann auch mal Filter in die Industrieanlagen eingebaut und der
Müll nicht einfach auf der Straße verbrannt wird.
Beach Boy
Unsere erste Nacht verbrachten wir dann im Walddorfkindergarten von Daressalam, wo wir nicht nur
von Julianna, die ich wohl aufgrund meines damaligen Wodka-Tonic-Nebels nicht sofort wieder
erkannte, sondern gleich auch von den ersten Moskitos begrüßt wurden. Gegen letztere setzten wir
uns tapfer mit Spray und Netzen zur Wehr, bei Julianna und ihren morgendlichen Weckappellen mit
Gesang und Gitarre in den nächsten Wochen mussten wir uns jedoch immer wieder geschlagen geben.
Ausgeruht vom Flug gab es am nächsten Morgen das erste Frühstück mit einer lokalen Spezialität:
Chapatis, die fettigsten Pfannkuchen, die man sich vorstellen kann, die zwar lecker aber sehr
schnell an der Hüfte abzulesen sind. Erste Kontakte mit der lokalen Bevölkerung knüpften wir am
Strand, als wir auf eine Gruppe von Kindern trafen, die wir schnell zu Wettkämpfen und
Schwimmunterricht überreden konnten, den dort ist es keineswegs selbstverständlich letzters
beigebracht zu bekommen. Nach dem obligatorischen Gruppenfoto am Strand machten wir uns auf den
Weg nach Morogoro, wo wir im alten Wohnheim der Schule für die Dauer unseres Aufenthalts unter
kommen sollten.
Diese und alle weiteren Fahrten bewältigten wir mit dem Schulbus von Erasto, da die Kinder der
Schule zu der Zeit Ferien hatten. Jedoch war der Bus zwar für 35 Leute ausgelegt, aber nicht für
das Gepäck von 35 Leuten, so dass die hinteren beiden Sitzreihen komplett mit unserem Gepäck
ausgefüllt wurden. Als wir nach zwei Stunden Fahrt auf dem Hof unserer Unterkunft ankamen, war insbesondere
Lea
überglücklich, da die Arme aufgrund des entstandenen Sitzplatzmangels es sich während der gesamten
Fahrt oben auf dem Gepäck mehr oder wenig bequem machen musste. Begrüsst wurden wir unter anderem von
Jose,
der Masai des Hauses, der in meinen Augen der tödlichste Hausmeister der Welt ist, schliesslich ist
diese Kriegerkaste nicht nur berüchtigt für ihren Überlebensinstinkt in der Savanne, dieser hier
konnte auch Glühbirnen und Abflüsse reparieren.
A real lady
Bauarbeiten
Wie schon erwähnt, waren bis auf eine Ausnahme nur Hausbaulegastheniker mit nach Tansania gekommen,
so dass wir auf die lokale Wissensresourcen zurückgreifen mussten, als wir montags zum ersten mal
die Baustelle betraten bzw. den Ort, der einmal die Baustelle werden sollte. Denn wie wir
feststellen mussten, war zwar ein Grundriss des neuen Speisesaals, aber wo denn letztendlich
der Grundriss vom Papier in der realen Welt landen sollte, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht mal
dem Bauherren klar. Angeleitet wurden wir von Mr. Kinse, dem angeheuerten lokalen Baumeister, der
unsere Legasthenie zwar mit seinem großen Erfahrungsschatz über Hausbauen (afrikanischer Art)
ausgleichen konnte, aber mit seinem nicht vorhanden englischen Wortschatz das kommunizieren
angesichts unserer nicht vorhanden Kisuaheli-Kenntnissen über solche Themen wie Maurertechniken erschwerte.
Well-deserved rest
Nachdem also geklärt war, wo genau das neue Gebäude hinkommen sollte, ging es mit dem los, was wir
Deutschen am besten können: Zerstören und Demolieren. Denn dort, wo im nächsten Jahr die Schüler
ihre Mahlzeiten zu sich nehmen werden, standen etliche Sachen im Weg, so das zuerst das Umpflanzen
eines Blumenbeetes, das Umsetzen eines Wasserkrans und das Abreißen eines Sonnendaches auf dem Plan
standen. Letzteres war jedoch so locker im Erdreich verankert und das Wellblechdach mit so wenig
Nägeln befestigt, dass es uns kaum Schweißperlen auf die Stirn zauberte, ganz im Gegensatz zu der
brennenden Sonne. Einem deutschen Statiker vom Bauamt hätte es jedoch sicherlich Angstschweiß auf die Stirn getrieben
angesichts des anscheinend unerschütterlichen Gottvertrauens der Erbauer in das Ausbleiben von
Windstärken größer 5 in Tansania.
Diese Hindernisse aus dem Weg geräumt ging es nun daran, Pfosten zu setzen, um mit dazwischen
gespannten Seilen die auszuhebenden Gräben für das Fundament kenntlich zu machen. Und mit einer
traumwandlerischen Sicherheit schaffte es gleich einer der ersten Pfosten so in die Erde gesetzt zu
werden, dass er das Leitungsrohr zu gerade erwähntem Wasserhahn formidabel und absolut mittig traf.
Der sich daraufhin bildende neue Gartenspringbrunnen war zwar nett anzusehen, jedoch war er zu
hinderlich für die folgenden Arbeiten als dass er hätte weiter bestehen dürfen. Eine Stunde und
verschiedene Flickversuche später war dieses Problem leidlich gelöst, nur ein ganz kleiner
Sickerstrom begleitete von nun an noch unsere Bautätigkeiten.
Schwund ist immer
Insgesamt war das Bauen geprägt von Einfachheit und Improvisation. Zuallererst gab es keinerlei
Maschinen, die uns zum Beispiel das Grabenausheben oder Zementmischen hätten abnehmen können. So
mussten wir selbst Hand anlegen und den trotz Regenzeit trockenen (aber zum Glück steinarmen) Boden
60 Zentimeter tief, 30 Zentimeter breit und auf insgesamt 120 Meter Länge ausheben, was uns die
ganze erste Woche beschäftigte. Es wäre wohl etwas schneller gegangen, hätten wir nicht ein oder
zwei (dutzend) der danach noch zu grabenden Löcher für die Eckpfeiler wieder zuschütten müssen,
da ganz nach Afrikanischer Art der Bauplan an manchen Stellen etwas ungenau beschriftet war und
somit die Massangaben viel Spielraum für Interpretationen liessen. Nur zu verständlich, dass wir nach
dieser anstrengenden Arbeit in allen Positionen und Orten unseren Mittagsschlaf halten konnten.
Die Schaufeln wurden in der zweiten Woche dann von den Eisenträgern abgelöst, die als
Pfeiler in den Gräben das Fundament stärken sollen (denk ich mir so mal als blutiger Anfänger). Was
man hier wahrscheinlich fertig im Baumarkt kaufen kann, mussten wir aber mühsam selbst herstellen:
Also zuerst einen dicken Draht in vier Stücke sägen, einen mittleren Draht in sechs Stücke und
einen dünnen Draht in viele kleine. Die vier dicken Stäbe wurden dann mit aus den sechs Drähten
mittlerer Dicke hergestellten Vierecke verbunden, indem sie mit dem dünnen Draht daran befestigt
wurden. Das ganze macht man dann nur 48 mal und fertig. Lasst euch nicht täuschen: etliche
Zwischenschritte hab ich bei dieser Beschreibung noch außen vor gelassen.
Das Resultat unserer Arbeit
Kaum damit fertig wurden wir in unseres Annahme, dass das Graben am anstrengensten ist, eines besseren
belehrt. Denn nun folgte des Auffüllen der erst gerade ausgehobenen Gräben mit frisch gemischten
Zement. Dieser musste auch händisch zusammengerührt werden aus zwei Säcken Zement, sechs
Schubkarren Sand und zwölf Schubkarren Schotter, eine Arbeit für echte Männer (und auch Frauen)
aber eine Mischung, die in Deutschland wohl kein TÜV-Zertifikat bekommen hätte. Dieser Zement wurde
dann in kleinen Schalen über eine Menschenketten zu den Gräben transportiert, wobei 'klein' keineswegs
mit 'leicht' gleichzusetzen ist, wohl mit einer der Gründe warum wir am Ende des Camps fitter als jemals
zuvor nach Hause kamen.
In der dritten Woche zogen wir die Grundmauern hoch, so dass am Ende unseres Workcamps eine schicke
circa einen Meter hohe Mauer den Grundriss des Gebäudes abzeichnete. Im Herbst wird wieder eine
Gruppe hinfahren um zu mithelfen, das Gebäude fertigzustellen, aber mehr zu den zukünftigen
Arbeiten lest ihr aber im Epilog dieser Geschichte, deshalb nun weiter zu den kleinen
Besonderheiten, die ein Land wie Tansania so anders machen. Denn sollte es euch also aus welchen
Gründen auch immer einmal nach Tansania oder nach Afrika generell verschlagen, so solltet ihr euch
auf jeden Fall auf einiges einstellen, vor allem in Bezug auf die Lebensgewohnheiten und die
vorhandene Infrastruktur.
Exciting!
Infrastrukturelles
Wie in jedem Land, welches sich als Nicht-Westlich rühmen will, gibt es so gut wie keine öffentlichen Verkehrsmittel,
die ein Durchschnittseuropäer ohne Angst betreten würde. So auch in Tansania, wo die einzige
Möglichkeit von A nach B zu kommen entweder deine Füße (okay, die sind eine gute Fußpflege
vorausgesetzt keinerlei Gefahr für einen), ein Taxi oder ein Dalla-Dalla ist. Letztgenannte sind
das Äquivalent zu unseren Buslinien, privat betrieben und nach einem sehr einfachen Prinzip
aufgebaut: Es gibt ein paar Linien, die ziemlich alle in der Innenstadt an einem zentralen Platz
enden. Auf diesen Linien fahren nun Mini-Busse aber ohne dass es einen festen Fahrplan gibt.
Entweder kommt also ein Bus vorbei, auf den du aufspringen kannst oder halt erst später, was
nebenbei ganz dem afrikanischen Leitspruch "No Hurry in Africa" entspricht.
Nacht über Morogoro
Die typische Besatzung eines Dalla-Dallas besteht dabei aus dem Fahrer und seinem Schaffner, der,
wenn man einmal in dem Dalla-Dalla sitzt, sich damit Aufmerksamkeit bei dir verschaffen wird, indem
er mit dem bisher eingesammelten Fahrgeld in seiner Hand klimpert. Dies ist dann das Zeichen für
dich ihm ebenfalls 200 Tansanesische Schilling (umgerechnet zwölf Cent und das ist der Preis für
jede Fahrt, egal wie weit) zu geben. Wobei es nicht immer leicht ist, einen Platz im Dalla-Dalla
zu bekommen, denn eine Konsequenz dieser Fixpreise und der stetigen Konkurrenz ist, dass der
Schaffner versucht, soviel Passagiere wie möglich auf einmal in den Bus zu quetschen. Absoluter
Rekord während meiner Fahrten waren dabei 28 Passagiere in einem Bus, der in Deutschland wohl
gerade mal für zehn zugelassen wäre. Fahrer und Schaffner waren dabei noch nicht mitgezählt und der
mir zugetragene Rekord liegt bei 35 Passagieren. Je nach Laune der lokalen Gottheit könnt ihr dabei
Schenkel an Schenkel mit einer afrikanischen Schönheit oder neben mit ihrer alten Mutter sitzen,
die doppelt so viel Platz braucht und bei der ihr merkwürdigerweise nicht Schenkel an Schenkel
hockt.
Ready for the trip
Eine weitere Unsicherheit des Alltags ist die Elektrizität, die sich launischer verhält wie
der Niederschlag in der Regenzeit. Während letzterer die einigermaßen berechenbare
tropentypische Dauer und Intensität hatte (sprich: kurz und heftig). hatte erstgenannte manchmal
ihre Aussetzer, in der dann eine Nacht lang nichts mehr ging (zumindest nicht elektrisch
betriebenes) und die Gruppe bei Kerzen- und Taschenlampenschein zusammen hocken durfte.
Vom medizinischen Standpunkt aus gesehen hatte die Gruppe mehr Glück, da wir keine schweren
Ausfälle zu beklagen hatten. Die zwei Malariafälle sind in diesen Breiten als alltäglich anzusehen,
nur die Typhus, die sich Anna
einfing, war etwas überraschen, da wie meine Tropenarzt mir auch erst nach meinem Trip mitteilte,
die Impfung dagegen nur prophylaktisch wirkt, das heißt die Symptome mildert. Mit den richtigen
Medikamenten waren unsere Patientenwieder schnell auf den Beinen, aber hier sei auf unsere
herausgehobene Stellung hingewiesen: Für uns mögen fünf Euro für Medikamente ein Klacks sein, das
ganze sieht jedoch anders aus, wenn man weiß, dass zum Beispiel das monatliche Einkommen eines
tansanesischen Lehrers 75 Euro sind.
Kids watching, Adults dancing
Soziales
Diese herausgehobene Stellung zeigte sich auch in der Art, wie wir in unserem Vorort wohnten: Nicht
wie die meisten unserer Nachbarn mit der Tür direkt auf die nicht-asphaltierte Straße hinaus,
sondern wir wohnten hinter einer Mauer mit schwerem Schiebetor, unter anderem, um nicht mehr
aufzufallen als unbedingt nötig. Denn trotz aller Gastfreundschaft waren wir in manchen
afrikanischen Augen wir immer noch die reichen Weißen, die man ausnehmen konnte, was nur bedingt
stimmte, aber zum Beispiel auf dem Markt imme rwieder versucht wurde, indem horrende Preise
verlangt wurden.
Nichtsdestotrotz kamen wir täglich mit der lokalen Bevölkerung in Kontakt. Nicht nur weil wir beim
Nachbarkiosk unsere Feierabendcola und bei der Milchmama nebenan unsere Frühstückmilch für den Tee
kaufen gingen sondern auch weil die Lehrer der Schule ihre Ferien damit verbrachten, mit uns zu
schuften. Genauer gesagt zeigten sie uns, dass sie mehr auf ihre Schaufeln packen können als wir.
Diese körperliche Überlegenheit erstreckte sich sogar auf die Lehrerinnen, die an Grazie unsere
weiblichen und an Kraft uns männliche Teilnehmern locker überflügelten. Nie war dabei jedoch von
einer Seite ein Konkurrenzdenken oder Neid zu spüren, vielmehr tauschten wir uns aus über alle
möglichen Grenzen (Europäer und Afrikaner (und Asiaten), Männer und Frauen, Alt und Jung) hinweg
aus, erlebten vieles gemeinsam und hatten insgesamt viel Spass miteinander.
Whitest kid in town
So tanzten wir alle noch einmal zusammen an unserem vorletzten Abend in Morogoro, als wir mit
allen Lehrern, Helfern und Freunden des Workcamps unseren Abschied feierten. Erasto hatte extra
dafür noch eine Musikkapelle organisiert, die mit ihren lokalen Instrumenten wunderbar zu der
Tanzgruppe passte, die Erasto auch mal noch so nebenbei aufgetrieben hatte. Das ganze artete dann
am Ende zu einem Massentanz in unserem Hof auf, in dem alle miteinander tanzten und die Musiker
sich in Ekstase spielten.
German import
Apropos tanzen: An einem Freitagabend gingen wir mit den Lehren aus, die lokale Tanzszene mit
europäischen Hüftschwüngen aufzumischen. Jedoch stellten sich hier die Einheimischen besser an
und stahlen mit ihren Bewegungen uns allen die Schau, auch wenn wir uns vom Tanzfieber anstecken
liessen und unser Bestes gaben. Und bevor ihr nachfragt: Die Fotos von mir beim Tanzen sind schon
alle verbrannt oder gelöscht, um die Nachwelt nach der Wiedervereinigung von Take That und Modern
Talking vor weiteren Katastrophen zu bewahren. Nicht zerstört sind jedoch die Bilder von den
anderen bei der Theaterimprovisation, zum Beispiel Agnes und Simon in:
"Vegetarier im Schlachthaus"!
Nur einmal verwandelte sich die Stimmung in einen verbissen geführten Kampf, als eine Gruppe von
uns gegen eine Truppe einheimischer Studenten ein Fußballmatch spielte und grandios 2:0 verlor.
Dies lag hauptsächlich an der unterdurchschnittlichen Qualität des Rasens und unseres Schuhwerks
und in keiner Weise an unserer noch unterdurchschnittlicher Spielweise, die wir direkt von der
Deutschen Nationalmannschaft aus dem Jahre 1996 abgeschaut hatten. Denn auch wenn wir am Spieltag
zum ersten Mal in dieser Formation spielten, so floss doch in uns das gleiche Blut wie in unseren
Nationalhelden Schweinsteiger und Podolski. Die Niederlage war somit in meinen Augen ein von
Mutter Natur und FIFA abgekartetes Spiel, um dem Fußball in Afrika für die WM2010 Auftrieb zu geben.
Sunset in Mikumi National Park
Flora und Fauna
Das wohl längste Kapitel hätte ich wohl über die Natur dieses Landes schreiben können, denn es gab
so viel zu sehen und zu bestaunen, dass selbst Darwin und Noah sich vor Freude nass gemacht hätten.
Aber da Bilder mehr als tausend Worte sagen, bleibt dieses Kapitel Recht kurz, dafür jedoch
reichlich bebildert. Sowohl vom Alphabet als auch bei einer Aufzählung von der kleinsten zur
größten Kreatur vorne anzusiedeln wären die Amöben, welche mir nach Aussage meines Tropenarztes bis
nach Deutschland gefolgt sind. Das sind harmlose kleine Racker, die aber keine negativen
Auswirkungen auf mich haben. Die beiden Tiere auf der anderen Seite der Skalen, das Zebra und der
Elefant, sind uns auch über den Weg beziehugnsweise über die staubige Straße des Mikumi-
Nationalparks gelaufen, den wir an einem Wochenende besuchten. Diese Safari unternahmen wir wieder
einmal mit dem Schulbus als fahrbaren Untersatz, der angesichts dieser Aufgabe heillos überfüllt war.
Just visiting
Denn wir fuhren nicht allein sondern luden auch ein paar der Lehrer und Nachbarn ein, die es sich
sonst nie leisten könnten, diesen Park zu besuchen. Man konnte schon ein wenig neidisch werden,
wenn man die ganzen schicken 4-Rad-Jeeps der anderen Touristengruppen sah, die wohl-klimatisiert
an uns vorbeifuhren und in denen nur die vorschriftsmässig ausgewiesenen Sitzplätze besetzt waren,
aber mit der lokalen Bongo-Flavor-Musik aus dem alten Radiokassettenspieler des Busses fühlten wir
uns keineswegs schlechter dran, sondern hingen wie kleine Kinder aufgeregt an den Scheiben des
Busses, um keines der Tier zu verpassen. So sind mir noch folgende Tier vor die Kameraflinte gelaufen (und somit bildlich hier vertreten):
ein Chamäleon (auf Leas Kopf im Verlauf einer sonntäglichen Wanderung)
Hühner (mehr dazu im nächsten Kapitel)
Ratten (im Wäscheschrank der Mädels)
Ja, wir hatten Ratten und sie taten sich unter anderem gütlich in den, wohlgemerkt gebrauchten,
Unterhosen der holden Weiblichkeit. Sehr zum Unmut der geschädigten Damen war nur eine der Ratten
so berauscht von ihrer Beute, dass sie sich in eine der Mausefallen verlief. Das grausige Bild und
Zeugnis der Effizienz dieser mit stinkendem Fisch bestückten mechanischen Todesmaschine kann
hier
angeschaut werden. Warum die Ratte den Fisch mit der Unterhose verwechselte, mag sich jeder selbst
zusammenreimen, ich versteh es jedenfalls nicht angesichts des durchschnittlichen Schweissausstosses
während unserer Arbeit.
An everyday view
Doch was wäre dieses Kapitel ohne Wiederholung der Zeilen, die ich in das von den
Workcamp-Teilnehmern geführte Tagebuch geschrieben habe, in dem Tag für Tag jemand seine Gedanken
schreiben konnte. Und dies schrieb ich nach einem wunderschönen Tag auf der Baustelle:
"Liebes Tagebuch, ich glaube, ich bin verliebt". Ja, verliebt war ich, in das wohl flauschigste,
aber zugleich schreckhafteste Wesen. Nein, ich lüge, denn schreckhafter waren Anna und Tobias (die
sich vor besagtem Getier auf der Veranda fürchteten) und flauschiger war Agnes Haarpracht (die zum
Abflug frisch vom Frisör kam) und mit der ich mir wunderschöne Rededuelle lieferte, wenn sie denn
einem die Zeit ließ, etwas zu sagen (ich meine Agnes, nicht ihre Haarpracht). Jedoch an diesem Tag
hätte ich mit ihren Haaren unterhalten können, denn beim Entrümpeln des Werkzeugschuppens, der in
typischer Afrika-Manier nur getrennt von einer oben offenen Mauer direkt an die Küche grenzte,
schreckte Agnes eine Ratte auf, die verstört von soviel Leben in ihrem kleinen Reich den Türrahmen
hoch lief, oben angekommen jedoch das Gleichgewicht verlor und in jene flauschige Haarpracht fiel.
Der darauf folgende Schrei war sicherlich noch in den Bergdörfern der angrenzenden Uruguru-Mountains
zu hören. Zum Glück ist der Ratte nichts dabei passiert und sie hat diesen Ausflug zumindest ohne
körperlichen Schäden überstanden. Über eventuell aufgetretene traumatische psychische Schäden
wissen wir jedoch leider nichts, da sie sich nach diesem Auftritt nie wieder hat blicken lassen.
Schade eigentlich, so ruhig wie an diesem Morgen war
Agnes
danach nie mehr gewesen.
A normal day in the kitchen
Kulinarisches
Gleich eins vorweg: Die Küchenausstattung sowohl daheim im Hostel als auch in der Schule war
genauso spartanisch wie die Ausstattung der Baustelle mit Baugeräten. Kein Herd, sondern Holzkohle
und viel Kerosin mussten wir verwenden, um abends unser warmes Essen und morgens unseren heißen
Kaffee zuzubereiten. Und ohne letzteren wäre die morgendliche Selbstfindungsphase (mit Fragen wie:
'Wieso mach ich das? Welcher Muskel tut mir heute ausnahmsweise nicht weh?') womöglich in einem
Massaker der Koffeinjunkies unter uns gemündet.So produzierten wir vom ersten Tage an dank des von
Raffael
mitgebrachten Kaffeepulvers einen dauerhaften, wenn auch mit müden Augen morgens zubereiten
Kaffeezufluss und erstanden sogar gegen Anfang der zweiten Woche einen Kerosinkocher, der die
morgendliche Prodedur beträchtlich verkürzte.
Ich gebe zu, an den veränderten Speiseplan mustse ich mich erst gewöhnen. Dabei meine ich jedoch
nicht den in Tansania, sondern den, der mich nach meiner Rückkehr nach Deutschland erwartete.
Ernährte ich mich drei Wochen gesund von Früchten und Gemüse, so schlug das europäische Essen mir
derbe auf den Magen, beispielhaft und nur ansatzweise sei hier das Schnitzelbrötchen erwähnt, das
nicht den normalen Weg durch meinen Verdauungstrakt ging. Zurück jedoch zu den appetittlicheren
lokalen Gepflogenheiten der tansanesischen Küche:
Three ways to eat your dinner
Zum Frühstück gab es meist Toastbrot, Erdnussbutter und Früchte allerlei Art, denn das war die
günstigste und schnellste Variante am Morgen Energie für den harten Tag zu tanken. Mittags wurde an
der Baustelle gekocht, meistens Reis mit Bohnen sowie Früchten und Gemüse, abends gab es in der
Unterkunft vom tagsüber daheim gebliebenen Küchen- und Putzteam meist später als geplant dann eine
warme Mahlzeit nach Art des besagten Küchenteams. Diese fiel jedoch (für viele zu) häufig
vegetarisch aus, da Fleisch teuer und zumindest das Rindfleisch zu der Zeit von einem BSE-ähnlichen
Erreger heimgesucht wurde.
Ich als passionierter Hobbykoch hatte somit den Ehrgeiz, etwas besonderes abseits der Pasta und
Reis-mit-Scheiß-Gerichte zu kochen. Mein erster Einsatz endete mit einer Gemüsesuppe und der
Erkenntnis, dass selbst eine Suppe für 25 Personen durch Zugabe zweiter Pilli-Pillis,
was die lokalen walnußgroßen Scharfmacherschoten sind, unerträglich scharf für 24 der Essenden
wird. Ihr könnt euch denken, wer sie als nicht scharf genug empfand.
Look into my eyes
So wurde bei meinem zweiten Gericht, einem Chilli-Con-Carne (und einem kleine Topf
Chilli-Sin-Carne), jegliche Pilli-Pilli außen vor gelassen und sich überlegt, welches Fleisch man
denn nun verwenden sollte. Improvisation war angesagt, denn Rind war wie gesagt ein Unding, und
Hackfleisch im generellen nicht zu bekommen. Es blieb also nur Hühnchen übrig, unkonventionell aber
im Nachhinein ebenso lecker. Die einzige zu nehmende Hürde ergab sich durch den Umstand, das
vorgefertigtes Hühnchenfleisch im Supermarkt durch besagte BSE-Krankheit rar und sehr teuer war.
Aber welch bessere Legitimation gibt es für den eigenen Fleischkonsum als das verzehrte Fleisch
selber zu schlachten? Keine, also begaben Agnes, Raffael und ich uns auf den Markt und erstanden drei wohlgenährte Hühner
mit dem guten Gewissen, dass diese bis zum Tag ihres Todes frei über Mutter Erde laufen konnten
ohne in einem Massenstall gehalten worden zu sein. Eine Taxifahrt mit den Hühnern im Korb, drei
Halsschlagadernschnitte und einiges an Rupfen und Ausnehmen später hatten wir also unser
Fleisch und die Legitimation Fleischesser zu sein. Dies jedoch sehr zum Entsetzen eines
Teilnehmers, der erschrocken über unsere Aktion war, sich aber schon Tage zuvor auf die
Cheeseburger im heimischen McDonalds gefreut hat. Ein Bild dieser Aktion und von Raffaels
Arbeitseinsatz verbirgt sich hinter
diesem Link,
aber seid gewarnt, wenn ihr schwache Nerven habt.
Ein weiteres Beispiel des African Way Of Living ist die Unmöglichkeit an einem Samstag Abend ein
Restaurant zu finden, welches mehr als zehn Leute gleichzeitig bewirten kann. Dies rührt daher, da
aufgrund der generellen Infrastruktur Kühlschränke und Tiefkühltruhen nicht vorhanden sind und
somit nur das in der Küche vorhanden ist, was man für den normalen Tagesbedarf braucht. Zwei
Dutzend Weisse, die dann abends einfallen und Hunger haben, schmeissen den Plan somit völlig über
den Haufen. Dann kriegt man nur noch so, zumindest mir sehr suspekte, Spezialitäten wie rechts zu
sehenden Fischkopf, der der ebenfalls abgebildeten
Fiorina
sehr gut schmeckte trotz des ersten Eindrucks, den man von ihr haben könnte. Diese Speise wurde nur
noch von der Fischsuppe übetroffen, die wir am letzten Tag kredenzt bekamen und aus der einen die
Fischköpfe noch anschauten, was Eva zu dem Spruch veranlasste, als sie auf etwas hartes biss: "Das
Auge isst man mit!". Nach dieser Feststellung waren eine Dame, die ich aus Gründen der Diskretion
ungenannt lassen will, und ich froh, unsere gefüllten Teller Raffael in die Hände drücken zu
können, der einen größeren Appetit hatte (und wohl auch die besseren Zähne).
cute AND smart
Aufräumarbeiten
Die drei Wochen neigten sich langsam dem Ende zu und so auch unser Arbeitseinsatz, dessen letzten
Teil, die Grundmauer zu ziehen, am Mittwoch der dritten Woche statt fand. Und trotz eines
allerletzten Kraftaktes bis weit in den eigentlichen Feierabend hinein, um die Grundmauer zu
komplettieren, langte es am Ende leider nicht ganz, so dass nun ein ganz kleiner Teil davon fehlt.
Dies tat unserer Freude über das miteinander erreichte keinen Abbruch und wir freuten uns schon auf
den nächsten Tag, an dem nicht weniger als eine Party mit den Schülern von Erasto an der Schule auf
dem Programm stand.
Und ihr hättet ihre Gesichter sehen sollen, die strahlten vor Glück, fingen gleich alle zu umarmen
und wären am liebsten nie wieder heim gegangen. Aber genug von unseren mitgereisten Damen, ich
wollte ja von den Kindern erzählen. Die waren natürlich begeistert uns zu sehen, diese merkwürdigen
weißen Menschen, die extra hierher kamen um ihre Schule mit aufzubauen. Wir teilten uns in Gruppen
auf, die sich verschiedenen Aktivitäten hingaben: zum Beispiel Fußball spielen mit einem
Ball und einhundert Kindern, Korbball spielen auf zwei Körbe von denen einer direkt an der
Stelle steht wo der ganze Müll einfach abgelegt wird, Malen oder Faules Ei. Dazwischen gab es immer mal
wieder eine Darbietung von Tanz und Musik von Seiten der Kinder, die uns leider wieder dazu zwang eine
Demonstration eines deutschen Kirchenchorals zum besten zu geben, die schon zweimal zuvor eine schlechte
Botschaft für das deutsche Liedgut in Afrika war.
Playing games
Doch auch dieser Nachmittag neigte sich einmal dem Ende entgegen und wir machten uns unter vielem
Gewinke von den Kindern ein letztes Mal zurück zu unserem Hostel. Dort ging es ans Aufräumen und
Einpacken, denn schon am nächsten Tag wollten wir uns für unsere letzten 36 Stunden an einen Strand
vor den Toren Daressalams begeben. Erste Abschiedstränen flossen an diesem Abend und manch einer
schlief erst gar nicht. Und wenn ihr euch an meine Hinfahrtsbeschreibung erinnert, in der die
letzten zwei Sitzreihen mit Gepäck gefüllt waren und Lea quer darüber lag, so sei darauf
hingewiesen, dass wir bei dieser Fahrt nun ein paar Leute mehr waren, da Erasto und unsere
kenianischen Freunde auch mitfuhren. Ich kam mir aufgrund der Enge fast wie in einem Dalla-Dalla
vor und als wir endlich am Strand ankamen, machte es erst einmal PLOPP als die ganze Truppe sich
aus dem Bus pellte. Zuerst dachte ich, dass wir irgendwo vom Weg abgekommen, eine Schlucht herunter
gestürzt, gestorben und gegen jede Vernunft im Himmel gelandet sei: weißer Strand, Palmen,
Kokosnüsse, Bambushütten, blauer Himmel und perfekt temperiertes Wasser begrüßten uns an einem
perfekten Nachmittag, der für alle Plackerei entlohnte.
Early in the morning
Am Ende des Tages saßen wir ein letztes Mal am Strand zusammen um über das zu Reden, was uns in den
letzten drei Wochen alles begegnete und was man mit nach Hause an Eindrücken nehmen würde. Danach
begann der langsam fortschreitende Auflösungsprozess der Gruppe, die, kaum dass sie sich gefunden
hat, schon wieder auseinander gehen musste, denn Fiorina und
Luzius
mussten schon einen Tag vor uns fliegen. Manach einer konnte sie gar nicht gehen lassen und folgte
den beiden bis in den Flughafen hinein. Diesen Abschiedsschmerz wollte ich mir nich antun und so
blieb ich am Strand, wo trotz der einsetzenden Wehmut über das bevorstehende Ende des Urlaubs nun
mit die schönsten 24 Stunden meines Lebens begannen: Mit mehr oder weniger vollem Bauch (ich
erinnere hier an die Fischkopf-Speise aus dem kulinarischen Kapitel) aber ohne Stress saßen wir am
Ende des Abends um das Lagerfeuer am Strand herum, erzählten uns Geschichten, sangen Lieder oder
trugen andere Sachen vor, von denen eine hier
abrufbar ist.
Under this big moon
Under this full moon of yours
I am scared to fall in love with you
as you greet me with your smile and smell
With nothing left for me to want
I fear the next day might even be better
Under this massive clouds of yours
Under this pouring rain of yours
all my fears are washed away
as my face shines with sweat and tears
Now I only fear I have nothing left to loose
but I know the next day will even be better
Under this everlasting sky of yours
Under these people of yours
I dance the night away with you
as I feel in my veins your beat and sound
Looking only forward to the next day
where more unknown beauty lies
Under this snow covered mountain of yours
Under this hot sun of yours
my last remaining fear has come true
as you embraced me with your warmth and soul
And all I have left is all that I need
to have your name forever written on my heart
Under these bright stars of yours
Dies ging bis spät in die Nacht hinein, so dass wir direkt am Strand einen seligen
Schlaf finden konnten, ohne die speziellen 'Zigaretten' der einheimischen Vermieter unserer
Bungalows heranzuziehen, die zu der Spezies von Bob-Marley-Verehrern gehörten, die anscheinend auf
jedem weißen Strand dieser Welt in ihrer jeweiligen kulturellen Ausprägung (thailändisch,
australisch, tansanesisch) zu finden sind.
Not a good-bye forever!
Frisch ausgeruht waren wir nicht, als unsere Augen sich dann wieder zur Zeit des Sonnenaufgangs um
sechs Uhr in der Früh öffneten. Aber dieser war es wert, deshalb geweckt zu werden und weitab der
Heimat den Morgen begrüßen zu dürfen in all seiner Wärme und Farben. Immerhin waren die Kühe der
Hirten auch schon wach und machten ihr Morgenbad im Meer, glücklicherweise ein paar hundert Meter
weitab von uns. Und mit keiner Arbeit zu tun außer Reis mit Bohnen und Kokosnüsse zu essen, machten
wir uns daran, den anderen Abschiedsbriefe zu schreiben. Ich weiß, klingt kitschig, ist es aber nur, wenn
du Kitsch schreibst. Ob ich dies tat, haben andere zu entscheiden, jedenfalls schrieb ich auch dem ein oder anderen
meine Gedanken, und auch wenn es in der Gruppe während der Zeit zu Spannungen kam, so waren all diese an jenem Tag am Strand
vergeben und vergessen. So machten wir uns abends ein letztes Mal mit dem Schulbus auf den Weg zum
Flughafen, wo wir uns von Erasto verabschieden mussten, wobei einige schon damals sagten, dass sie
wieder kämen. Mit gemischten Gefühlen, was uns daheim erwarten würde, stiegen wir also abends in
das Flugzeug, um am nächsten Morgen in unserer Welt wieder aufzuwachen, die einigen von uns auf
einmal so fremd vorkam. Das was bis vor kurzem vertraut vorkam, erschien nun einmal lauter, hektischer,
unfreundlicher, fremd, grau. Was diese drei Wochen nicht nur in der winzigen ELU-Schule in
der kleinen Stadt Morogoro in dem unbekannten Land Tansania auf dem riesigen Kontinent Afrika
verändert hatten, sondern wie sie auch mich verändert haben, das sollte mir erst jetzt klar werden.
Not here, not there
Epilog
Mittlerweile sind wir nun schon längere Zeit wieder daheim, alle wohlbehalten nebenbei, keiner der
Kranken hatte irgendwelche Nachwirkungen davongetragen. Nur manche hatten noch beim Umsteigen in
Amsterdam den Afrikan Style so sehr intus, dass sie den Flug nach Frankfurt verpassten, und ich
verdanke nur meinen langen Beinen und den daraus resultierenden grossen Schritten, das sich erst
eine Sekunde hinter mir die Tore des Abfluggates schlossen. Aber, um wieder den auf uns
übergegangenen Afrikan Style heranzuziehen, Lukas und ich entschlossen uns, Zeit Zeit sein zu
lassen und auf die Nachzügler in Frankfurt insgesamt zehn Stunden zu warten. Den Aufenthalt
verkürzten wir, indem wir die Eltern und Freunde der anderen mit unseren Bildern und Bildern unterhielten,
so wie ich euch hoffentlich nicht gelangweilt sondern mitgenommen habe auf meiner kleinen Reise
ins Herz Afrikas.
Dabei habe ich hier nur einen Bruchteil dessen erzählen können, was uns passiert ist. Sachen wie
das Eiermalen zu Ostern, der Gospel-Gottesdienst, das Drama um den kleinen Hund und tausend andere
Geschichten sind nur mehr Erinnerungen in den Köpfen der Teilnehmer und verblassen vielleicht eines
Tages wie die Bilder die wir in unseren Fotoalben haben. Aber ich tröste mich damit, dass eine
neue Generation von Leuten nach Tansania fahren wird, die ihre eigenen Geschichten erleben und
schreiben werden: denn das nächste Workcamp íst schon geplant und findet vom 22.September
bis 14.Oktober dieses Jahres statt. Falls ihr zu denen gehört, die weit weg von
Pauschalurlaubsangeboten dieses Land hautnah erleben wollen, findet ihr mehr Informationen dazu
hier auf der Homepage von IDEM.
Masai Neck
Ich liess bis jetzt aber eine der Nachwirkungen dieses Camps aus zu erwähnen. Denn was manchem
Mitreisendem passiert ist, ist zu fallen. Genauer gesagt in ein Loch, das sich Kulturschock nennt,
und wie es mir auch ergangen ist, wie man vielleicht schon aus den Zeilen zuvor herauslesen konnte.
Auf einmal machen die ganzen Menschen, der Lärm, die Technik, die Eile der anderen einen wahnsinnig
und man stellt die merkwürdigsten Dinge an. Wie zum Beispiel ich, der sich bereit erklärt hat
zusammen mit dem schon im Text erwähnten Luzius das näcshte Camp dort unten zu organisieren.
Wer sich also anmelden will, schreibe mir eine Email, und diejenigen von euch, die zwar keine Zeit,
aber Geld übrig haben und das ganze für eine tolle und unterstützenswerte Idee halten, die mögen
spenden, damit wir auch Baumaterial dort unten haben. Denn schliesslich wir zahlen zwar unsere
Flüge und Unterkunft selber, aber das Geld für Steine und anderes müssen wir anderweitig
auftreiben. Also, wer will die Kontonummer von IDEM um etwas zu überweisen? Das ganze ist
natürlich steuerlich absetzbar.
Bis zum nächsten Mal, wo immer mich der Wind hintreiben mag.
V